Basler Club dank Ausnahmespieler aus Tahiti erstmals Schweizer Meister

Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich der Pétanque-Club Basel an die nationale Spitze gearbeitet. Möglich machte dies Rere Temauri.

Peter Basler Publiziert: Basler Zeitung 20.09.2025, 17:39

In Kürze:

     

      • Der polynesische Sportler Rere Temauri trainiert intensiv Pétanque in Basel.

      • Als ausgezeichneter Pointeur trifft Temauri die Zielkugel mit beeindruckender Präzision.

      • Der Pétanque-Club Basel gewann erstmals einen gesamtschweizerischen Meistertitel.

    Am Anfang war der Deal: «Letzten Herbst haben wir abgemacht, dass sich Rere ein Jahr lang voll dem Pétanque widmen darf», sagt Rere Temauris Partnerin Madlaina. Innert dieser Frist musste Rere der beste Spieler der Schweiz werden. Dafür gewährte ihm seine Partnerin ein reduziertes Engagement in der jungen Familie.

    Also ging Temauri nach der Arbeit im Alters- und Pflegeheim in Riehen jeweils nicht nach Hause, sondern zum Training auf den Pétanque-Platz. Fünfmal die Woche. Manchmal allein für sich, manchmal traf er sich mit französischen Turnierspielern in Saint-Louis. Fast jedes Wochenende spielte er ein Turnier, manchmal auch im Ausland.

    Die Bilanz: Im Juni wurde er Deutschschweizer Meister in der Disziplin Tête-à-Tête, bei der einer gegen einen spielt. Ebenfalls im Juni siegte er mit dem Pétanque-Club Basel an den Gesamt-Schweizer-Meisterschaften in der Triplette, wo drei gegen drei spielen. Damit ging erstmals in der 60-jährigen Geschichte des Pétanque-Clubs Basel ein Titel nach Basel. Diesen Titel gewinnen in der Regel Vereine aus der Westschweiz, wo Pétanque einen ähnlich hohen Stellenwert hat wie in Frankreich. 

    Rere Temauri beim Pétanque zuzuschauen, ist ein Erlebnis: «Wenn es Druck gibt, spiele ich noch konzentrierter und stärker.»

    Zehn Versuche, zehn Treffer

    Das Pétanque, das Temauri spielt, hat wenig mit dem Pétanque zu tun, das auf Basler Boule-Plätzen zu sehen ist. Temauri ist ein ausgezeichneter «Pointeur», legt die Kugel je nach Schwierigkeit des Geländes jeweils zwischen zehn und vierzig Zentimetern neben das Zielkügelchen «Cochonnet». Seine Kernkompetenz ist jedoch das Schiessen. Wenn Temauri gut drauf ist, trifft er die gegnerische Kugel bei zehn Würfen zehnmal. Im Tennis wären dies zehn Asse. 

    Erfolgreiche Sportler können bei Zielsportarten wie Pétanque, Golf oder Billard das Gehirn in eine verlangsamte, ruhige Aktivität versetzen. Dabei wird die linke Gehirnhälfte, die normalerweise bei komplizierten Aufgaben und analytischem Denken einspringt, praktisch ausgeschaltet. Folge: Der Sportler ist entspannt. Im Moment des Wurfs können nun die antrainierten automatischen Bewegungsprogramme die Kontrolle übernehmen. Deshalb bleibt Temauri auch unter Stress locker: «Wenn es Druck gibt, spiele ich noch konzentrierter und stärker.»

    Rere Temauri ist in einem Dorf auf einem kleinen Atoll im Südpazifik aufgewachsen. Die Insel gehört zu Französisch-Polynesien, hat 2500 Bewohner, der höchste Punkt liegt gerade mal drei Meter über dem Meer. Ab acht Jahren spielte er jeden Tag Pétanque. Nach der Schule, bis die Sonne unterging. Temauri arbeitete unter anderem als Bootskapitän, Tourguide, im Restaurant und er gab Ukulele-Unterricht.

    2019 kam er nach Basel, arbeitete vor allem als Casserolier, etwa in der Küche des Gourmet-Restaurants von Tanja Grandits – jetzt in einem Alters- und Pflegeheim in Riehen.

    Anfang September steht Temauri auf der Schweizer Bestenliste auf Rang 4 – noch vor Weltmeister Maiky Molinas. Um auf eine höhere Punktzahl zu kommen, braucht es viele Siege an hochkarätigen Wettkämpfen. Doch diese finden oft am äusseren Zipfel in der Romandie statt, mehrere Fahrstunden von Basel entfernt, was eine Übernachtung nötig macht. Zeit und Geld, die Temauri trotz des Deals mit Partnerin Madlaina nicht immer aufbringen kann. 

    Erstmals Schweizer Meister: Raymond Kontic, Johnny Jambois und Rere Temauri vom Pétanque-Club Basel (von links).

    Hallenproblem in Basel

    «Jetzt geht es darum, dass sich Basel unter den besten Clubs in der Schweiz etablieren kann», sagt Werner Beyeler, ehemaliger Präsident und 1966 Mitgründer des Pétanque-Clubs Basel. «Pétanque wird von Clubs in der Romandie dominiert. Diese Spieler profitieren von Trainingszentren und Boule-Hallen, wo sie auch im Winter trainieren können.»

    Diese Pétanque-Hallen gibt es nicht nur in der Romandie, sondern in der ganzen Schweiz: von St. Gallen über Belp bis Bad Zurzach oder Trimbach. Dass ausgerechnet Basel mit einem der ältesten Pétanque-Clubs der Schweiz und vielen Hobbyspielern keine Halle hat, empfindet Beyeler als «grosses Manko». 

    Jetzt im Herbst, wenn die Tage kühler werden, verschwinden die Pétanquespieler aus den Pärken. Nur der Mann von einem Atoll bei Tahiti, wo die durchschnittliche Jahrestemperatur bei 27 Grad liegt, trainiert in der Kälte. Der Deal, viel Zeit ins Pétanque zu investieren, wurde von Rere Temauris Partnerin Madlaina verlängert.